Beim Lesen von "Der Process" fühlt man sich Josef K. sehr nahe. Man versteht seine Wut, seine Verwirrung und sein Gefühl, unfair behandelt zu werden. Das Gericht wirkt kalt, anonym und ungerecht. Viele Leserinnen und Leser sehen K. deshalb automatisch als Opfer. Doch genau hier setzt Franz Kafka an. Der Roman zeigt nicht nur ein undurchsichtiges System, sondern macht auch die Lesenden selbst zu einem Teil dieses Systems. Wer den Text liest, wird unbemerkt in den Prozess hineingezogen.

Perspektive und Identifikation
Der Roman "Der Process" ist konsequent aus der Perspektive von Josef K. erzählt. Diese Erzählweise nennt man einsinniges Erzählen oder interne Fokalisierung. Das bedeutet, dass wir als Lesende nur das erfahren, was K. selbst wahrnimmt oder von anderen Figuren hört. Wir wissen nie mehr als er. Es gibt keine übergeordnete Erzählinstanz, die erklärt, wie das Gericht wirklich funktioniert oder ob K. schuldig ist.
Dieses Fehlen einer erklärenden und ordnenden Instanz ist typisch für die moderne Literatur. Im Gegensatz zur traditionellen Literatur gibt es kein festes Orientierungszentrum, das dem Leser Sicherheit gibt.
Diese Erzählweise hat eine starke Wirkung. Wir erleben die Ereignisse genau so, wie K. sie erlebt. Seine Verwirrung wird unsere Verwirrung, seine Angst unsere Angst. Dadurch entsteht eine grosse Nähe zur Figur. Obwohl K. oft unsympathisch wirkt, übernehmen wir seine Sichtweise fast automatisch und neigen dazu, ihm zu glauben, wenn er sich als Opfer eines ungerechten Systems darstellt.
Im Unterricht haben wir gelernt, dass es im Roman nur sehr wenige Erzählersignale gibt, die diese Perspektive aufbrechen. Diese sind so subtil, dass man sie leicht übersieht. Dadurch geraten wir als Lesende in eine Perspektivenfalle und hinterfragen K.s Sicht kaum.
Besonders wichtig ist, dass K. sich kaum für andere Menschen interessiert. Er fragt nicht, wer sie sind oder was sie bewegt, sondern nur, was sie über seinen Prozess denken. Trotzdem übernehmen wir als Lesende genau diese Haltung und vergessen dabei, K. selbst kritisch zu betrachten.
Der Leser heute als Teil des Systems
Dieser Mechanismus ist heute sehr aktuell. Auch in unserer Gegenwart erleben wir Situationen, in denen wir nur eine begrenzte Perspektive sehen. Besonders in sozialen Medien bekommen wir Inhalte gezeigt, die zu unserem bisherigen Verhalten passen. Andere Sichtweisen tauchen kaum auf.
Ein einfaches Beispiel: Jemand postet ein Video und bekommt kaum Likes oder Kommentare. Es gibt keine Erklärung dafür. Trotzdem beginnt die Person zu zweifeln: War das schlecht? Habe ich etwas falsch gemacht? Niemand sagt etwas, aber das Schweigen fühlt sich wie ein Urteil an. Genau so funktioniert auch das Gericht bei Josef K.: Es erklärt nichts, wirkt aber trotzdem bewertend.
Ein weiteres Beispiel sind Kommentarspalten. Sieht man viele zustimmende Kommentare, übernimmt man diese Meinung oft automatisch. Kritische Stimmen werden überlesen oder gar nicht angezeigt. Ähnlich wie bei K. übernehmen wir eine Perspektive, ohne sie bewusst zu prüfen.
Auch im schulischen Alltag kann eine schlechte Note oder eine kurze Rückmeldung ausreichen, um sich selbst als „nicht gut genug“ wahrzunehmen. Wie bei K. entsteht die Bewertung im eigenen Kopf.
Josef K. hält den Prozess selbst am Laufen, indem er ständig darüber nachdenkt und ihm Bedeutung gibt. Genau das passiert auch heute oft: Menschen vergleichen sich, analysieren Reaktionen und geben Systemen Macht, obwohl diese nie offen urteilen. Dieses notwendige, aber unsichere kritische Denken ohne festen Halt ist ein zentrales Merkmal moderner Literatur.
Warum diese Wirkung beabsichtigt ist
Kafka wollte keine einfache Geschichte erzählen. Er wollte nicht klar sagen, wer schuld ist. Stattdessen zwingt er die Lesenden, über ihre eigene Rolle nachzudenken. Warum glauben wir K. so schnell? Warum fühlen wir uns sofort mit ihm verbunden?
Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit Geschichten im Internet. Oft solidarisieren wir uns sofort mit jemandem, der sich ungerecht behandelt fühlt, obwohl wir nur eine Seite kennen. Trotzdem fühlen wir uns sicher in unserem Urteil. Genau so handeln wir auch beim Lesen von "Der Process".
Kafka zeigt, dass Identifikation gefährlich sein kann. Wer sich zu stark mit einer Figur identifiziert, hört auf, kritisch zu denken. Der Leser wird vom Beobachter zum Mitspieler. Das System funktioniert nicht durch Gewalt oder klare Befehle, sondern weil Menschen mitmachen.
Auch K. hätte aussteigen können. Er hätte Warnungen ernst nehmen oder innehalten können. Doch er tut es nicht, und wir als Lesende begleiten ihn dabei oft ohne Widerstand. Kafka zeigt damit, wie leicht Menschen Teil eines Systems werden, ohne es zu merken.
Fazit
"Der Process" zeigt nicht nur ein unheimliches Gericht, sondern auch die Macht der Perspektive. Durch das einsinnige Erzählen werden die Lesenden selbst Teil des Systems. Sie übernehmen K.s Sicht und hinterfragen seine Rolle lange kaum.
Gerade heute ist das sehr aktuell. Wir erleben täglich Bewertungen, Vergleiche und Entscheidungen, die sich wie Urteile anfühlen, auch wenn niemand sie ausspricht. Kafka erinnert uns daran, wie wichtig es ist, die eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen.
Der eigentliche Prozess findet deshalb nicht im Gericht statt. Er findet im Kopf der Figur statt – und im Kopf der Lesenden.