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Erziehung im Wandel – Nähe, Autorität und ein widersprüchliches Ideal

20. Januar 2026

Warum moderne Erziehung zwischen Liebe, Abhängigkeit und Verantwortung steht

Zwei Fotografien eines Vaters mit seinem Sohn: links eine Aufnahme aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, rechts ein modernes Farbfoto.

Erziehung verändert sich mit der Gesellschaft. Was früher als selbstverständlich galt, wird heute oft infrage gestellt. Während frühere Generationen stark auf Autorität, Gehorsam und klare Regeln setzten, verbindet man Erziehung heute eher mit Nähe, Verständnis und Gesprächen. Viele Eltern möchten ihre Kinder nicht nur erziehen, sondern auch von ihnen gemocht und geliebt werden. Genau hier stellt sich eine zentrale Frage: Warum ist es Eltern heute so wichtig, die Zuneigung ihrer Kinder zu erhalten, und was bedeutet das für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern?

In einem Interview mit dem Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach, (erschienen am 24.10.2025 in «Das Magazin») wird dieser Wandel kritisch betrachtet. Reichenbach äussert sich zu Schule, Bildung und Erziehung und beschreibt dabei eine deutliche Veränderung im Denken von Eltern. Besonders kritisch sieht er die heute weit verbreitete Vorstellung, Eltern und Kinder könnten sich auf Augenhöhe begegnen.

Ein zentrales Argument Reichenbachs ist, dass Eltern ihren Kindern heute mit deutlich mehr Verständnis begegnen, vor allem im schulischen Bereich. Während Eltern früher meist die Schule unterstützten, reagieren sie heute oft anders. Sie stellen sich schützend vor ihr Kind, auch dann, wenn Kritik angebracht wäre. Reichenbach bringt dies klar auf den Punkt, wenn er sagt: „Heutzutage haben Eltern den Impuls, allein ihr Kind zu schützen“ (Z. 2–3, Reichenbach). Er erklärt dieses Verhalten damit, dass Eltern heute emotional stärker von ihren Kindern abhängig seien als frühere Generationen. Nähe, Anerkennung und Zuneigung seien für viele Eltern sehr wichtig geworden und beeinflussten ihr erzieherisches Handeln. Pädagogisch sei dies schwierig, weil sich der Blick der Erziehung teilweise vom Kind weg und hin zu den Bedürfnissen der Eltern verschiebe.

Grundsätzlich ist es nichts Negatives, wenn Eltern von ihren Kindern geliebt werden wollen. Problematisch wird dieses Bedürfnis jedoch dann, wenn es dazu führt, dass Eltern einseitig Partei ergreifen. In Konflikten suchen sie die Schuld dann häufig bei anderen und verteidigen ihr eigenes Kind bedingungslos. Eine ehrliche Auseinandersetzung wird dadurch erschwert, und Kinder lernen weniger, Verantwortung für ihr eigenes Verhalten zu übernehmen.

Gleichzeitig grenzt sich Reichenbach klar vom autoritären Erziehungsstil der 1950er-Jahre ab. Er betont, dass Ungleichbehandlung heute erklärt und begründet werden müsse, und bezeichnet dies als eine wichtige Errungenschaft demokratischer Gesellschaften: „Heute muss man die Ungleichbehandlung legitimieren, und das ist eine wichtige und grossartige Errungenschaft für demokratische Gesellschaften“ (Z. 11–12, Reichenbach). Autorität sei dabei nicht grundsätzlich etwas Negatives. Sie sei vielmehr ambivalent und könne sowohl hilfreich als auch problematisch sein. Entscheidend sei, dass Eltern ihre Stärken und Schwächen erkennen und verantwortungsvoll mit Autorität umgehen.

Besonders kritisch äussert sich Reichenbach zum Ausdruck „auf Augenhöhe“. Diese Formulierung hält er für irreführend, da das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nie vollständig gleich sein könne. Wer gehorchen müsse, könne nicht vollkommen zustimmen, und wer entscheide, müsse nicht zwingend auf Argumente hören. Diese Ungleichheit werde jedoch häufig verdrängt oder beschönigt.

Ein typisches Beispiel dafür zeigt sich im Alltag vieler Familien. Eltern geben ihrem Kind scheinbar eine Wahl, etwa ob es an einer bestimmten Aktivität teilnehmen möchte. Entscheidet sich das Kind dagegen, wird diese Entscheidung oft emotional kommentiert oder indirekt kritisiert. Die angebliche Entscheidungsfreiheit ist damit eingeschränkt. Dieses Verhalten zeigt, dass die behauptete Gleichberechtigung häufig eher ein Wunschbild als Realität ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass moderne Erziehung heute stärker von Nähe, Verständnis und demokratischen Werten geprägt ist als früher. Gleichzeitig entstehen neue Spannungen, weil Eltern zunehmend emotionale Bestätigung von ihren Kindern erwarten. Meiner Ansicht nach bietet dieser Erziehungsstil viele Chancen, besonders im Aufbau von Vertrauen und Nähe. Dennoch sollten Eltern ihre Verantwortung nicht vergessen und die bestehende Asymmetrie bewusst akzeptieren. Kinder brauchen nicht nur Liebe, sondern auch Orientierung, klare Grenzen und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied zwischen gesunder Nähe und einer Überforderung in der heutigen Erziehung.